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Seeeeenseeeeen aller Größen und Kleinen!!!, prangt auf einem hölzernen Ladenschild unter dem sich Maleika postiert hat, außer Atem, Hände auf Knien. Einige Augenblicke später erscheint Rietpitsch. Er läuft gemächlich auf das kleine Geschäft zu, die Linke in der Tasche, in der Rechten ein dampfendes Eis.

Rietpitsch: Tschechische Sensen haben die beste Qualität. Die Havliceks schmieden ihre immer noch unter einem wasserbetriebenen Breithammer aus. Keine Sense gleicht einer anderen und dennoch schwankt ihre Güte kaum merklich. Wußten Sie eigentlich, dass man donnerstags am besten senst? Den Grund dafür kenne ich nicht und mich mit der Erklärung von Herr Havlicek anzufreunden, fällt mir schwer. Oder meinen Sie etwa, es liegt daran, dass Wiesenfeen donnerstags Kopfschmerzen haben - Mittwochs feiern sie ja bis in die Puppen - und sich deswegen nicht um die Gräser kümmern können? Und achja, richtig, hier Ihr Eis. Ich hoffe sie mögen Kräutertee-Eis? Jedenfalls sehen Sie so aus, als müssten Sie etwas tun wegen dieser, dieser... Zappeligkeit. Hier, also.

Malaeika: Dankeschön, zu meinem großen Unglück bin ich jedoch auf Minze allergisch und ich weiß von den Vagnieris, dass da auch un po di menta enthalten ist.

Sie hält Rietpitsch mit dem tropfenden Eis die Ladentür auf. Ein Glöckchen ist zu hören.

Rietpitsch: Danke.

Sie treten hinein. Nicht einmal eine Sekunde später ruft jemand aus einem dicken blauen Mantel hervor

Havlicek: Sie! Siiieee! Machen sie, dass sie mit dem Speiseeis hier raus kommen! Leute mit Schuhen mit Rollen und Leute mit grünem Eis will meine Frau hier nicht sehen!

Rietpitsch drängt schon zur Tür, doch Malaeika zieht ihn vor zu dem Mann, der aus der Nähe betrachtet sehr freundlich scheint.

Havlicek: Na, Sie haben Schneid, sagt man, sie haben Mut, junge Frau, wir kennen uns schon!

Malaeika: Guten Tag, Herr Havlicek, geht es Ihnen gut? Hat Ihre Frau nun die Führerscheinprüfung bestanden? Er nickt Wie schön! Darf ich vorstellen: Herr Rietpitsch.

Havlicek und Rietpitsch gemeinsam: Wir kennen uns...

Havlicek: ...schon.

Rietpitsch: ...bereits. Schließlich komme ich...

Havlicek: Achim kommt seit...

Rietpitsch: ...ja, ja...

Havlicek: ...sicher seit...

Rietpitsch: ...sagen wir einmal dreizehn Jahren...

Havlicek und Rietpitsch gemeinsam: ...Sensen kaufen.

Von den drei lacht Herr Havlicek am lautesten.

Havlicek: Was kann ich nun für euch tun? Er macht eine kurze Pause, in welcher sein Lächeln ein wenig nachdenklich, fast schelmisch wird. So verraten sie beide ... woher ... also ... wie kommt es denn, dass sie sich kennen?

Während er spricht, holt Rietpitsch unter seinem Hemd einen kleinen schwarzen Stecken heraus und zielt damit von sich weg, schräg nach oben. Mit der Linken deutet er Maleika stehen zu bleiben. Dann macht es Kkkatzzzick, aus dem Stecken schießt Metall und Holz durch den Raum, um sich im nächsten Augenblick zu einer Sense aufzufalten.

Rietpitsch: Ich weiß nicht woher. Ich weiß nur, dass ich sie nicht mehr los werde. Also habe ich mir gedacht, ich zeige ihr alles. Heute gehen wir nach oben, zur Wiese. Morgen vielleicht zu den Klinken, am Samstag ist ja das Fest. Achja, ich werde noch einmal eine von diesen nehmen.

Er reicht dem weiterhin lachenden Havlicek die Sense über die Theke. Havlicek nimmt das Metall zwischen Daumen und Mittelfinger und fährt langsam die Kante entlang. Mit der rechten Hand fixiert er den Holzteil, mit der linken bringt er das Blatt zum Schwingen und macht dabei ein sehr zufriedenes Gesicht.

Havlicek: Ein schönes Stück, immer noch. Jaja, gute Pflege.

Es klingelt. Rietpitsch und Havlicek sehen zur Tür, durch die Malaeika das Geschäft verlassen hat. Rietpitsch folgt ihr einige Augenblicke später. Er hat zwei Sensen bei sich.

Malaeika: Wohin nun? Erleichterte Muskellockerungsübungen. Hmmmh?

Rietpitsch: Wir haben Sensen. Es kann uns nichts mehr passieren. Wo möchten Sie denn hin? So lange es noch hell ist, sollten wir zur Wiese. Das kann also warten.

Rietpitsch fährt seine Sense per Knopfdruck ein und reicht Malaeika die andere, die damit ganz gleich verfährt.

Malaeika: Lass uns doch gleich zur Wiese gehen. Ich möchte ja, ich sollte ...

Sie steckt sich eine Haarsträhne hinter die Ohren. Sie legt den Rucksack ab, öffnet ihn, zieht eine Flasche Fanta blue hervor.

Malaeika: Hab ich dir mitgebracht! Kannst du mich nun endlich duzen?

Rietpitsch: Ich trinke Mangosaft und Wasser. Das ist alles. Und dass ich Blau nicht ausstehen kann, dürfte I h n e n bereits bekannt sein. Ungeachtet meiner tiefen Abneigung möchte ich I h r Angebot annehmen. Aus experimentellen Gründen. Dazu später mehr. Kommen Sie. Die Wiese ist gleich in der Nähe. Mögen Sie überhaupt widerspenstiges Grün? Woher kommen Sie eigentlich? Dieser Name...? Es sei denn, es ist ein Künstlername. Dann nämlich möchte ich es nicht wissen. Blau und Künstler und Katzen, all das ist mir zuwider, faules Pack. Nun, schauen Sie nicht so! Kommen Sie, kommen Sie!

Malaeika:Ha! Das zeigen sie! Sie! Sie! Sie! mir mal: Faules Blau! Ha! Und sagen Siesiesie jetzt nicht "die Wolken beweisen das doch zur Genüge, meine Liebe" und ko-oh-mmen Sie. Sie Sie Sie! Erinnern sie sich!

Wütend steckt sie die Flasche Fanta in den Mülleimer, an dem kurz darauf eine empfindliche Studentin mit großer Brille vorbeigeht und sich am Flaschenhals die rechte Hüfte blau stößt.

Rietpitsch: Ich möchte Ihnen, ja ich möchte ihnen etwas zeigen, wirklich. Schauen Sie. Aber schauen Sie ganz genau, immer ganz genau. Wir lernen heute - unter anderem - Sehen.

Rietpitsch holt die Flasche aus dem Mülleimer und schüttet ihren Inhalt auf die Straße. Das Blau ergießt sich auf den Beton. Dort, wo es den Boden trifft, muss sich wohl das Licht in einem ungewöhnlichen Winkel brechen, denn die Lache ertüncht sich als dunkles Rot. Die Flasche scheint sich dabei von innen wieder aufzufüllen, anstatt leer zu werden. Als Rietpitsch nämlich den Schraubverschluss mit einem Voila wieder zudreht, ist diese fast genauso voll wie vorher.

Rietpitsch: Nehmen Sie sie mit. Dunkles Rot ist im Unterschied zum Blau eher tüchtig. Ja. Eine emsige Farbe. Mir nach!

Raschen Schrittes gehen Rietpitsch und Malaeika nebeneinander her. Wann immer eine Richtungsänderung erfolgt oder sich die Straße teilt, zeigt Rietpitsch dies wie beim Fahrradfahren früh genug an. Es erübrigt sich das Sprechen, es entsteht eine kleine Feierlichkeit.
 

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